Darstellung von Charakteren mit psychischen Erkrankungen in Film und Fernsehen Drucken
Wie realistisch sind Darstellungen von Menschen mit psychischen Erkrankungen in Kino- und Fernsehfilmen und wie können Filmschaffende Stereotype hierbei vermeiden. Um diese Fragestellung ging es in einem eintägigen Workshop, der vom Aktionsbündnis Seelische Gesundheit gemeinsam mit dem Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) und dem Verband für Film- und Fernsehdramaturgie e.V. (VeDRA) in Berlin erstmalig veranstaltet wurde.

Als Teil eines dreijährigen Medienprojektes des Aktionsbündnisses und weiterer Partner, sucht diese Veranstaltungsreihe den Dialog zwischen Filmschaffenden, Betroffenen, Angehörigen und medizinischen Fachleuten, um das Stigma dieser Krankheiten in der Gesellschaft weiter abzubauen. Fiktive Geschichten über psychisch erkrankte Filmfiguren können hierbei einen wichtigen Beitrag leisten, so der Tenor der hochkarätig besetzten Veranstaltung, in der Drehbuchautoren, Script-Consultants und Regisseure auch kritisch die eigene Arbeit beleuchteten. Filmcharaktere mit psychischen Erkrankungen werden in Kinofilmen, TV-Krimis und Serien oft in negativen Klischees als aggressiv, unberechenbar und für Gewaltverbrechen schuldig dargestellt.

Die stereotype Darstellung gewalttätiger und unberechenbarer psychisch Gestörter stehe dabei in Gegensatz zu den Ergebnissen wissenschaftlicher Studien so Prof. Wolfgang Gaebel, Vorsitzender des Aktionsbündnisses. Diese würden belegen, dass psychische Störungen weder eine Voraussetzung noch alleinige Ursache von Gewalttätigkeit sind und dass, ganz im Gegenteil, Menschen mit psychischen Erkrankungen sogar häufiger Opfer von Gewalt sind als die Normalbevölkerung. Dennoch werden in den meisten Filmen psychisch erkrankte Figuren oft klischeehaft dargestellt, wie Eva-Maria Fahrmüller, Vorstandsvorsitzende des VeDRa, anhand diverser Beispiele aus dem Fernsehbereich belegte, wobei dies vor allem für Krimis und Thriller gilt.

Als Beispiel des Versuchs einer differenzierten Darstellung einer psychischen Erkrankung stellten Peter Henning, Vorsitzender des VDD und Professor für Drehbuch und Dramaturgie an der HFFernsehen in Potsdam-Babelsberg, und Claudia Prietzel, Regisseurin, Drehbuchautorin und Dozentin an der Filmakademie Ludwigsburg, hierzu vertiefend in Ausschnitten ihren Tatort Ordnung im Lot vor, in dem sie, eingebunden in die Krimihandlung, versucht haben Schizophrenie in einer Familie zu thematisieren. Ausgehend von persönlichen Erfahrungen im eigenen Umfeld und mehrjährigen Beobachtungen wollten sie, wie beide erzählten, diese persönlichen Erlebnisse in eine Geschichte einfließen lassen, in der es eben auch um die enormen Belastungen geht, die eine Familie bis an die Grenzen des Erträglichen führt, in der aber der psychisch erkrankten Mutter eine unterstützende Schlüsselrolle in den Ermittlungen der Tatortkommissarin zukommt.

Die Möglichkeiten langer Entwicklungsbögen, die serielle Formate bieten, stellte Anke Lutze, Drehbuchautorin und Story Editorin bei der UFA Serial Drama GmbH, verantwortlich für die Soap Gute Zeiten, Schlechte Zeiten, mit einem Beispiel zu Bulimie in der Daily Soap vor. Die Chancen des Format bedingten langen Erzählens wurden von dem Autorenteam genutzt, um äußerst differenziert und genau die Entstehungshintergründe und Auswirkungen dieser Erkrankungen für die betroffene Filmfigur und ihr Umfeld darzustellen, und um Verständnis für diese psychische Störung zu wecken und zu einer gesellschaftliche Entstigmatisierung der Betroffenen beizutragen. Da diese Erkrankung oft in der Altersgruppe des Zielpublikums vorkommt, wurde die Problematik darüber hinaus auch auf der Homepage und in den sozialen Medien begleitet, um Betroffenen Hilfestellungen anzubieten.

Dass fiktive Geschichten im Kino und Fernsehen beim Zuschauer und damit in der Öffentlichkeit eben nicht Angst und Unsicherheit im Umgang mit psychisch Erkrankten auslösen sollten, sondern Verstehen und Verständnis im Umgang mit Betroffenen, diese Erkenntnis war das Ergebnis eines fruchtbaren Austauschs und Dialogs, bei dem auch betroffene Autoren zu Wort gekommen sind, die entweder als Angehörige mit dieser Problematik konfrontiert oder sogar direkt selbst betroffen sind.

Und dass die Macht der Bilder und Geschichten hier integrativ gesellschaftlich wirken kann und sollte, war nach dem Workshop allen Teilnehmern klar. Bleibt zu hoffen, dass dies durch zukünftige Drehbücher auch in der Öffentlichkeit ankommt.

Barbara Klimmeck
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 07. Mai 2014 um 13:04 Uhr